Die verantwortungslosen Karikaturen

 

Redaktion

 

Wir glauben fest daran, dass alle Menschen Geschwister sind. Wir sind uns bewusst, dass wir Menschen alle ein gemeinsames Schicksal und nur eine gemeinsame Zukunft haben. Uns sind die Verständigung zwischen den Menschen und den Kulturen und das Bauen von Brücken zwischen ihnen sehr wichtig. Ebenso wichtig ist uns der positive Dialog, der dem gegenseitigen Kennenlernen, der Verständigung und dem Frieden dient, der Zusammenarbeit für das Beste und gegen den Schaden aller.

Der Dialog kann jedoch nur sinnvoll sein, wenn er aufrichtig, redlich, gerecht und klar geführt wird. Dagegen ist ein Dialog, der benennt und verschweigt, täuscht und betrügt, irreführt und überspielt, der in seinen wahren Absichten und Zielen nicht übereinstimmt mit den genannten Zielen uns Absichten, sind Ignoranz, Unwissen und Feigheit, Heuchelei und Verstellung, nicht geeignet, die Wahrheit zu finden oder die gemeinsamen Interessen der Völker und Nationen dieser Erde zu erreichen und Gottes Wohlgefallen zu erlangen.

In diesem Geist und mit dieser Einstellung beziehe wir Stellung zu dem Fall der Karikaturen, die zunächst in Dänemark von der Zeitung „Jyllands-Posten“, der Zeitung mit der größten Verbreitung in Dänemark, gezeichnet und mit dem Titel „Mohameds Gesichter“ veröffentlicht wurden. Später wurden diese Karikaturen von anderen respektablen europäischen Zeitungen mit der Vorgabe der Solidarisierung mit der Meinungsfreiheit erneut abgedruckt. Diese Karikaturen sind alle verletzend und respektlos. So bildet z.B. eine dieser Karikaturen den Gesandten Mohamed, Gottes Segen und Friede über ihn, mit hässlichem Gesicht und einem Turban ab, in dem sich eine Bombe befindet, um ihn als terroristischen Verbrecher darzustellen, der hinter seinem Turban und seiner Botschaft in Wirklichkeit Terror und Verbrechen verbirgt.

Wenn diese Zeichnungen den Führer einer bestimmten islamischen Gemeinschaft oder Gruppierung dargestellt hätten, wäre dieser hässliche und ungerechte Vorwurf auf diese Gemeinschaft oder Gruppierung beschränkt gewesen. Den Vorwurf gegen den Gesandten, Allahs Segen und Friede über ihn, zu richten, ihn in dieser unredlichen Art Weise zu verunglimpfen, ist die Verunglimpfung eines jeden Muslims auf dieser Erde; der an den Gesandten und seine Botschaft glaubt, der ihm folgt oder ihn liebt.

Worum geht es jedoch den Karikaturen? Was ist ihre Botschaft? Denn eine jede Karikatur trägt in sich eine Botschaft und verfolgt ein Ziel. Wir wollen nicht hellsehen oder über unerklärte Absichten mutmaßen. Aber wir können die Wirkungen und Folgen beurteilen: Die Karikaturen verletzen die Muslime, sie vergrößern die Gefühle der Angst vor ihnen und und bestätigen ihre allgemeine Verdächtigung. Sie tragen dazu bei, eine psychologische, soziale und politische Atmosphäre zu schaffen, die weitere demütigende und ungerechte Aktionen gegen die Muslime ermöglicht und die die Akzeptanz für ihre religiöse und rassistische Diskriminierung in einer Reihe von Ländern und Regionen erhöht.

Was die europäischen Zeitungen betrifft, die die Karikaturen im Namen der Solidarität mit der Meinungsfreiheit erneut veröffentlicht haben – sie genießen bei uns im Übrigen fast alle großen Respekt und hohes Ansehen – so möchten wir ihr Augenmerk darauf lenken, dass es bei den Karikaturen, mit denen sie sich solidarisieren, ja nicht um unbefangene und sachliche Meinungsäußerungen geht, sie verfolgen auch nicht hehre und sinnvolle Absichten. Es sind Beschimpfungen. Offene und dreiste Beschimpfungen, Verleumdungen und Irreführungen. Ist es rühmlich, sich mit Beschimpfungen, Verleumdungen und Irreführungen zu solidarisieren? Und: Warum fügen sie zu den vergangenen Verletzungen noch weitre hinzu, statt die bestehenden zu lindern? Warum vertiefen sie diese Wunden in den Seelen und Erinnerungen und lassen sie zeitlich weiterwirken? Warum provozieren sie die Muslime und fordern sie sie heraus, statt ihre Gefühle nachzuvollziehen und mit ihnen zu fühlen? Statt ihnen die Hand zu reichen, um bestehende Brücken der menschlichen Verständigung zu stützen, gegenseitiges Vertrauen zu festigen, Spannungen zu deeskalieren – im Interesse des Friedens, der Gemeinsamkeit, des Dialogs und der Zusammenarbeit?

Die westlichen Gesellschaften und Regierungen verurteilen – wie wir in ihrem Umgang mit den Muslimen hören und sehen – alles, was zu Hass, Feindschaft und Konflikten zwischen den Kulturen, Religionen und Völkern führt. Sie bestrafen so etwas sogar oder drohen dafür Strafen an. Sind solche Bilder und Karikaturen etwa dazu geeignet, Liebe, Freundschaft, Frieden und Zusammenarbeit zu fördern? Wir verurteilen diese Karikaturen aufs Schärfste und nach Maßgabe aller Maßstäbe.

Aber wir fordern zugleich alle Muslime auf, unabhängig davon, wo sie sich befinden, ihre Verurteilung und ihren Protest auf friedliche und rechtlich zulässige Weise zu äußern und auf keinen Fall einen Unschuldigen für das Verschulden eines anderen zu bestrafen, denn der Koran weist uns darauf hin, dass „keine Last tragende Seele die Last einer anderen trägt“.

Und wir fordern sie auf – so wie es ihr Islam von ihnen erwartet – einen jeden Bürger aus den Ländern, in denen diese Karikaturen veröffentlicht wurden, der sich bei ihnen aufhält, zu beschützen. Das gilt auch für ihren Besitz und ihr Vermögen, ihre Unversehrtheit, ihre Würde und alle ihre Rechte.

Wir fordern sie auch auf, darauf zu achten, dass sie Brücken zwischen sich und der Welt – ihrer Welt – schlagen und einen verantwortungsvollen Dialog mit den Anderen führen, um Rechtschaffenheit, Gerechtigkeit und Güte zwischen allen Menschen zu ermöglichen, im Interesse aller Menschen in Gegenwart und Zukunft.

Wir appellieren an die internationale Gemeinschaft und an ihre zuständigen Institutionen, sich der Sache verantwortungsvoll, ausgewogen und eingehend anzunehmen. Wir rufen sie auf, kluge und ausgewogene Regeln aufzustellen, die die Freiheiten einerseits und die Religionen und ihre Heiligtümer andererseits schützen und die Ursachen von Feindseligkeit, Hass und Streit eindämmen.

Es ist eine große und dringende Verantwortung, eine akute Angelegenheit, die weder Vernachlässigung noch Aufschub verträgt.