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Von Scheikh Ali Tantawi
Im Namen Gottes des Großzügigsten des Barmhezigsten
Stelle Dir vor, daß Du auf einer Straße gehst und plötzlich stehst Du vor einer
Weggabelung. Der eine Weg ist holprig und schwierig zu begehen. Der andere
Weg ist glatt, bequem und fällt in eine Ebene ab.
Der erste Weg ist uneben und steinig, voller Dornenbüsche und verborgenen
Gefahren, sowie steil und schwierig. Die Besitzer dieses Weges haben jedoch an
seinem Beginn ein Schild aufgestellt, worauf steht: "Selbst wenn dieser Pfad
anfangs schwierig erscheinen mag, so wird er Dich schließlich zu Deiner
Bestimmung führen."
Der zweite Weg ist gepflastert, auf beiden Seiten von Obstbäumen und Blumen
gesäumt. Es gibt genügend Cafés und andere Orte des Vergnügens. Der Reisende
wird auf diesem Weg alles finden, was er benötigt, um seine Sinne zu
befriedigen. Ein Schild am Beginn aber warnt: "Dies ist ein gefährlicher und
vernichtender Pfad. Er führt in den Abgrund und den sicheren Tod!" Welchen der
beiden Wege würdest Du wählen?
Die menschliche Natur neigt dazu, den leichteren Weg zu wählen, da er mühelos
und erfreulich erscheint und kein Leid verursacht. Ebenso zieht sie es vor,
ihren eigenen Weg zu gehen, um sich von allen Verpflichtungen und
Verantwortungen fernzuhalten. Gott hat diesen lnstinkt im Menschen geschaffen.
Auf sich alleine gestellt würde jeder den zweiten Weg wählen.
Wie auch immer, an der Weggabelung schaltet sich der menschliche Verstand ein
und fordert von einem, sich zusammenzureißen. Er drängt den Menschen sich zu
besinnen und seine Möglichkeiten abzuwägen.
Wählt er ein Vergnügen von kurzer Dauer gefolgt von unablässigem Schmerz oder
aber wählt er eine kurze, begrenzte Zeitspanne des Schmerzes, gefolgt von
Seligkeit und Freude?
Er wird schließlich den ersten Weg wählen, den Weg zum Paradies, den wir wie
den zweiten Weg, den Weg zur Hölle, durch dieses Beispiel verdeutlichen wollen.
Der Weg zur Hölle ist voll von Vergnügungen, an denen sich die menschlichen
Sinne erfreuen können. Es gibt dort Versuchungen wie verführerische Schönheit,
sinnliche Freuden und Reichtum. Diese materiellen Freuden, die von so vielen
gesucht werden, egal aus welcher Quelle sie entstammen. Darüber hinaus macht
man auf diesem Weg die Erfahrung unbegrenzter Freiheit in allem Tun und das
Fehlen jeglicher Form der Kontrolle. Denn dazu zieht es die Menschen mehr als
zu den Formen der Zurückhaltung.
Der Weg zum Paradies ist sicherlich kein Bett aus Rosen. Man wird vielen
Schwierigkeiten und Leiden ausgesetzt sein und sich mit vielen Einschränkungen
abfinden müssen, um dem Wunsch zu widerstehen, der Begierde des Herzens
nachzugeben.
Wie auch immer, die Konsequenz aus der Hingabe zu den zeitlich begrenzten
Vergnügungen dieses Lebens ist ein ewiges Leiden in der Hölle. Die Belohnung
dafür, daß man dem schwierigen Weg folgt, sind ewige Freuden und Vergnügen im
nächsten Leben.
Schauen wir uns den Studenten am Abend vor dem Examen an. Nur widerstrebend
verläßt er seine Familie, die gemeinsam gemütlich vor dem Fernseher sitzt, um
sich seinem Studium zu widmen. Doch nach diesem zeitlich begrenzten
Mißvergnügen wird er die Früchte seines Erfolges genießen.
Ein weiteres Beispiel ist ein Kranker, der auf bestimmte wohlschmeckende
Speisen verzichten muß. Die Belohnung dafür ist die Wiederherstellung seiner
Gesundheit.
Gott hat uns zwei mögliche Wege gegeben und er hat in uns die Fähigkeit
geschaffen, zwischen ihnen zu unterscheiden. So vermag jeder unabhängig von
seiner oder ihrer Erziehung her zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.
Dies bedeute; wenn wir etwas Gutes tun, fühlen wir uns erleichtert, denn wir
haben ein reines Gewissen. Im Gegensatz dazu fühlen wir uns verunsichert, wenn
wir etwas Falsches gemacht haben.
Das Vorhandensein dieser Fähigkeit ist nicht nur auf den Menschen beschränkt.
Auch Tiere besitzen sie. Legst Du z.B. einer Katze ein Stück Fleisch hin, so
wird sie es in völliger Ruhe vor Dir fressen. Schnappt sie es Dir aber weg, so
wird sie dorthin laufen, wo du sie nicht sehen und ihr das Fleisch wieder
wegnehmen kannst, um es schnell zu verschlingen.
Von diesem Beispiel lernen wir, daß im ersten Fall das Gewissen der Katze rein
ist, da ihr das Fleisch gegeben wurde. Im zweiten Fall zeigt ihr Verhalten, daß
sie instinktiv weiß, daß sie räuberisch gehandelt hat. Die Katze hat zwischen
richtig und falsch, Erlaubtem und Verbotenem unterschieden.
Ein Hund kommt, wenn er etwas Richtiges getan hat, und schleckt seinen Herrn,
als ob er um seine Belohnung bittet. Wenn er sich aber nicht gut betragen hat,
"schaut er dumm drein", so als ob er bereut, was er getan hat oder bestraft
werden will.
Im heiligen Koran steht dazu unter anderem: "Haben wir ihm nicht zwei Wege (des
Guten und Bösen) gezeigt?" (90:8)
Gott hat Menschen bestimmt, die zur Menschheit sprechen und sie auf den Weg zum
Paradies führen sollen. Dies sind die Propheten. Auch der Weg zur Hölle hat
Fürsprecher, die die Menschheit auf ihn locken wollen. Sie sind die Gegner
Gottes.
Die Ulama (Religionsgelehrten) treten in die Fußstapfen des Propheten (Friede
sei mit ihm). Fatima, die Tochter unseres Propheten (Friede sei mit ihm) hat
keinen Besitz und Reichtum von ihm geerbt. Die Ulama haben die Dawa (die
Aufgabe, die Botschaft des Islams zu verbreiten) von ihm übertragen bekommen.
Wer immer diese Aufgabe mit völliger Aufrichtigkeit und mit all seinen
Möglichkeiten erfüllt, verdient die Ehre dieser Erbschaft.
Dawa ist eine schwierige Aufgabe, da die menschliche Natur gerade zu den
Freiheiten neigt, die die Religion zu unterbinden sucht. Sie versucht die
menschliche Natur zurückzuhalten, wenn sie ungebädigt laufen will, um sich an
allen Vergnügungen zu erfreuen und bereitwillig jedem Ruf nach Laster und
Unmoral zu folgen.
Die menschliche Natur ist vergleichbar mit einem mit Wasser voll gefüllten
Behälter auf dem Gipfel eines Berges. Es ist leicht, den Behälter zu
beschädigen. Du brauchst ihn nur leicht mit etwas Scharfem anzubohren und das
Wasser wird in kürzester Zeit auslaufen und das Tal überfluten. Es ist aber
etwas ganz anderes, wenn Du den Behälter wieder auffüllen willst. Dies wird Dir
viele Schwierigkeiten bereiten. Du mußt dazu eine Pumpe installieren und viel
Geld investieren.
Es soll ein weiteres Beispiel für die menschliche Schwäche folgen. Wenn Du
einen großen Felsen vom Gipfel zum Fuß eines Berges bringen willst, brauchst Du
nichts weiter zu tun, als ihn leicht anzustoßen, und er wird hinabrollen. Ihn
aber wieder auf den Gipfel zurückzubringen, ist eine unbeschreibliche Aufgabe.
Genauso schwer ist der Weg, den die menschliche Natur zu wählen hat.
Ein Freund, der nicht religiös ist, erzählt Dir von einer wunderschönen Frau
die eine Nackttänzerin ist. Die Versuchung ist groß, sie selbst anzuschauen.
Ein Gläbiger würde Dir davon abraten und sehr wahrscheinlich wird es Dir
schwerfallen, seinem Rat zu folgen.
Diejenigen, die das Böse verbreiten, müssen sich dafür kaum anstrengen. Ganz im
Gegensatz zu denen, die moralische Werte und edle Taten anpreisen. Sie müssen
sich sehr für diese Sache einsetzen. Der schlechte Mensch hat alles, was auf
die menschliche Schwäche zielt, in seiner Hand: Schamlos entblößter weiblicher
Charme, sexuelle Begierde und leichter Zugang zu allem, was immer die Sinne
erregt.
Wie kann ein Muslim mit all diesen "Attraktionen wetteifern?" Was können die
Gläubigen demgegenüber bieten? Ganz einfach, Zurückhaltung und Bescheidenheit.
Möglicherweise ertappst Du Dich dabei, wie Du einem Mädchen, das nicht
"anständig" angezogen ist (dem Islam folgend soll ein Mädchen seinen ganzen
Körper bis auf Hände und Gesicht bedecken), nachblickst und über seine
Körperformen phantasierst. Ein Gläubiger würde Dir in diesem Moment raten,
Deinen Blick zu senken.
Stelle Dir einen Geschäftsmann vor, der meint, daß der beste und schnellste Weg
Gewinn zu machen, der Verleih von Geld mit hohen Zinsen sei (im Islam ist es
verboten, Zinsen zu verlangen). Ihm würde man abraten, sein Geld so zu
verdienen.
Denke an einen Angestellten, der sieht, wie sein Kollege Bestechungsgelder in
Höhe von einem halben Jahresgehalt annimmt. Er stellt sich vor, wie gut es ihm
und seiner Familie erginge, wenn er dasselbe täte. Ein Gläubiger würde hier
eingreifen und ihm davon abraten, der Versuchung zu erliegen.
All diesen Menschen wird geraten, sich von "schnellebigen Lastern"
fernzuhalten, und sie für das "Unsichtbare", die Wahrheit, das Recht, das man
möglicherweise im Moment nicht erfassen oder begreifen kann, aufzugeben. Der
Gläubige bestärkt sie, ihrem schwachen Willen und dem Verlangen des Herzens zu
widerstehen, obwohl dies eine große Aufgabe und schwere Last sein kann.
"Lehnt den Islam nicht ab, weil er Euch zu schwierig erscheint", sagt der
Gläubige, "denn Allah der Allmächtige hat ihn so im Koran beschrieben: 'Wir
werden Dir Worte auferlegen, die schwer zu tragen sind.' (73:5)"
Jede edle Tat bereichert die menschliche Seele. Wir haben das Beispiel des
Studenten, der seine Familie verläßt, um das Gelernte zu wiederholen. Dies ist
ihm zweifellos schwer gefallen. Es ist gewöhnlich schwierig, sich von einer
geselligen Versammlung zu verabschieden, um sich dem Studium zu widmen.
Dasselbe gilt für jemanden, der in der Frühe aufwacht, um Fajr (das
Morgengebet) zu verrichten. Wie auch für jemanden, der den Weg des Djihads (der
heilige Krieg) wählt und damit eine große Verantwortung auf sich lädt und sich
von seiner Frau und Familie verabschieden muß.
Deswegen finden wir weit mehr unehrenwerte und unaufrichtige als ehrenwerte und
aufrichtige Menschen.
Die an Gott denken und sich von ihm führen lassen, sind bei weitem in der
Minderzahl gegenüber denjenigen, die sich für den leichten Weg entscheiden. Aus
diesem Grund ist es für uns oft schädlich, wenn wir uns der Mehrheit blindlings
anschließen.
"Und wenn Du der Mehrzahl derer, die auf der Erde sind, folgst, werden sie Dich
vom Weg Gottes abirren lassen." (6:116)
Wären Seltenheit und Kostbarkeit nicht Qualitäten von Würde und Erhabenheit, so
würden Diamanten nicht so schwer zu finden sein und die Kohle würde es nicht in
solchem Überfluß geben. Ebenso würde es nicht in so großen Zeitspannen so
wenige Genies, Helden und berühmte Persönlichkeiten geben.
Seit vielen Generationen drängen uns die Propheten (Friede sei mit ihnen) und
Menschen, die das wahre Wissen haben, dem rechten Weg zu folgen. Die Korrupten
und Wertlosen versuchen, uns in die Irre zu leiten. In der Tat haben wir in uns
die Möglichkeit, jedem dieser beiden Wege zu folgen.
Ein Teil in uns akzeptiert die Lehren des Propheten. Ein anderer Teil wird von
denen beeinflußt, die selbst irregeführt worden sind. Der menschliche Verstand
ist die eine Seite, die uns ermöglicht, die Wahrheit und den Weg des Propheten
zu verstehen. Aber da gibt es auch die andere Seite, die uns zum Bösen drängt.
Du fragst: "Was ist der Unterschied zwischen dem Verstand und der Seele?" Ich
gebe nicht vor, eine klare Definition geben zu können, die das eine und das
andere beschreibt und den Unterschied erläutert. Selbst die Wissenschaft ist an
dieser Frage gescheitert. Wie auch immer, ich werde versuchen, es zu erklären.
Wir alle sagen oft: "Ich sagte zu mir", oder, "Mein Verstand hat mir gesagt".
Doch was bist "Du" oder was ist das "Selbst". Was ist Dein "Verstand?" Obwohl
diese Begriffe noch nicht geklärt sind und ich auch nicht etwas Unerklärliches
aufdecken und enthüllen kann, so will ich doch versuchen, ein anschauliches
Beispiel zu geben.
Der menschliche Körper verändert sich ständig. Zellen, die vor einem Jahr
gelebt haben, existieren heute nicht mehr. Mit dem Selbst ist es genauso:
Hoffnungen, Bestrebungen, Schmerzen und Leiden ändern sich fortwährend.
An dieser Stelle könntest Du die berechtigte Frage stellen: "Welcher Teil des
Ichs bleibt unverändert?" Es ist die Seele. Du fragst daraufhin: "Was ist die
Seele?"
Allah hat uns das Wissen um viele Mysterien des Menschen offenbart, z.B. wie
unsere Gelenke funktionieren und die Heilung vieler Krankheiten möglich ist. Er
hat uns Erkenntnisse über das menschliche Selbst gegeben. Er hat uns gesagt,
daß einige Seelen eher dazu neigen, Böses zu tun, während andere selbstkritisch
und wieder andere vollkommen genügsam und friedlich sind. Er hat uns auch
mitgeteilt, daß alle Seelen den Tod kennenlernen. Der Allmächtige hat uns aber
nicht mehr in Bezug auf die Seele eröffnet. Dieses Wissen besitzt Gott alleine.
Die Seele unterliegt nicht räumlichen und zeitlichen Schranken. Wenn z.B. ein
Mensch in Deiner Gegenwart für eine Viertelstunde einschläft, so ist er
möglicherweise im Traum nach Amerika oder Indien gereist und hat dort zwanzig
oder dreißig Jahre gelebt. Er hat unbeschreibliche Freuden und Schmerzen
erlebt. Wie können fünfzehn Minuten eine Zeitspanne von zwanzig Jahren und mehr
umfassen?
Dieses Beispiel zeigt, daß wir über den Tod hinaus großes Leiden erfahren oder
uns an großem Segen erfreuen können. Die Seele kann durch nichts, weder
Krankheit noch Gesundheit, beeinflußt werden. Sie hat schon, ehe sie dern
Körper übergeben wurde, existiert und sie wird, nachdem wir gestorben sind und
das Selbst erlischt, fortbestehen.
Es soll ein weiteres Beispiel für den Konflikt zwischen Verstand und Selbst
folgen. Du liegst in einer kalten Nacht tief schlafend, warm und gemütlich in
Deinem Bett. Da weckt Dich das Klingeln Deines Weckers zum Fajr-Gebet. Eine
innere Stimme sagt Dir, daß Du aufstehen mußt, um zu beten. Gerade als Du dies
tun willst, hörst Du eine andere Stimme, die sagt: "Warum schläfst Du nicht ein
wenig länger?"-"Das Gebet ist besser als der Schlaf", wirft die erste Stimme
ein. "Es wäre schön noch ein wenig zu schlafen", erwidert daraufhin die zweite
Stimme, "Du hast noch genug Zeit. Du kannst Dich ein paar Minuten verspäten."
Der Streit zwischen den beiden geht weiter. "Schlaf" - "Steh auf" - "Schlaf" -
"Steh auf". Die erste Stimme ist unser Verstand. Die zweite ist unser Selbst.
Eine derartige Situation zeigt sich in vielen Formen und Schattierungen. Es ist
die Art von Zögern, die über einen kommt, wenn man über einen tiefen Abgrund
springen muß. Man möchte gerne auf die andere Seite gelangen, hat aber Angst,
abzustürzen. Zwei verschiedene Stimmen sprechen auch hier: "Spring" - "Spring
nicht, dreh um". Antwortet man der Stimme, die sagt: "Spring", wird man auf die
andere Seite gelangen. Wenn man aber zögert und auf die Stimme hört, die sagt,
man solle umkehren, so wird man in den Abgrund stürzen.
In derartigen Situationen befinden wir uns in der Zwangslage, wählen zu müssen.
In Momenten wie diesen kann sich eine gute Begründung nur dann behaupten, wenn
wir glauben. Nur wenn wir Iman (Glauben) besitzen, können wir einen Sieg des
Verstandes über den Körper erringen. Die Kraft Deines Imans steht dabei im
Verhältnis zum Ausmaß des Sieges der Kraft Deines Verstandes. Das soll nicht
heißen, daß der Verstand immer über die Begierde des Körpers siegt und daß
Muslime (Gläubige) keine Fehler machen. Der Islam ist eine Religion voller
Mitleid. Es ist ein praktischer Glaube, der auf der Realität des Lebens
basiert. Allah der Allmächtige hat die Menschen nicht geschaffen, Engel,
Haustiere oder wilde Bestien zu sein.
Die Engel wurden geschaffen, um zu gehorchen und zu verehren. Haustieren und
wilden Bestien wurde nicht die Fähigkeit des Denkens, aber die Kraft des
Instinkts gewährt. Das bedeutet, daß sie keine Verpflichtungen haben, den
göttlichen Geboten zu gehorchen. Sie werden nicht für ihre Taten zur
Verantwortung gezogen.
Wir gehören in keine dieser Kategorien. Wer sind wir? Was ist ein Mensch?
Jeder Mensch ist eine einzigartige Schöpfung, die engelhafte, teuflische und
animalische Züge trägt. Seine engelhaften Züge sind dominant, wenn er
aufrichtig Allah verehrt und eine feste Beziehung zu ihm aufbaut. Ein solcher
Mensch ist wie ein Engel.
"[...] die gegen Gott nicht ungehorsam sind in dem, was er ihnen befiehlt,
sondern tun, was ihnen befohlen wird." (66:6)
Wenn der Mensch aber seinem Schöpfer den Rücken zuwendet oder Verachtung zeigt
oder mehr als einen Gott verehrt, wird er schädlichen und negativen Einflüssen
zum Opfer fallen.
Wenn sich solch ein Mensch ärgert, benimmt er sich wie ein Rasender, dessen
einziges Ziel es ist, den Feind, egal was es kostet, zu schlagen, sogar wenn er
ihn dabei tätlich angreifen muß. In solchen Fällen benimmt sich der Mensch wie
ein wildes Tier. Dasselbe trifft zu, wenn er nicht mehr fähig ist, seine
sexuellen Begierden zu kontrollieren. Die animalische Seite seiner Natur
gewinnt dann die Überhand.
Die Grundlage der menschlichen Natur wird von zwei Tendenzen geprägt, die eine
neigt zum Guten und die andere neigt zum Bösen. Wie auch immer, Gott hat dem
Menschen die Fähigkeit des Denken und den Willen, den besten Weg zu wählen,
gewährt. Wenn er seine Willenskraft einsetzt und sein Gefühl für das Gute sein
Denken leitet, so wird er mit denen zusammensein, die sich an der ewigen
Glückseligkeit im Leben nach dem Tod erfreuen. Handelt er nicht so, wird er die
Konsequenzen tragen und leiden müssen.
Die Natur des Selbst strebt nach Freiheit. Die Religion schränkt diese Freiheit
ein, um das Selbst zu schulen. Ohne solche Einschränkungen könnten wir alle
guten Werte verlieren. Das Selbst würde die Kontrolle einbüßen und völlig
verantwortungslos handeln. Von uneingeschränkter Freiheit ausgelöst, würde die
menschliche Gesellschaft Amok laufen. Die Menschen würden sich wie Verrückte
benehmen. Ein Verrückter macht das, was immer er sich gerade denkt. Er zieht
seine Kleider aus und geht nackt über die Straße. Möglicherweise setzt er sich
auf die Schultern eines Busfahrers oder findet Deine Kleider so toll, daß er
sie Dir gleich vom Leibe reißen will. Mit Deiner Tochter, die ihm gefällt,
möchte er eine auf körperlicher Begierde gründende Beziehung eingehen (ganz im
Gegensatz zu dem, was der Islam vorschreibt).
Ein Verrückter ist die einzige Person, die völlige "Freiheit" genießt. Ein
gesunder Mensch wird von einem gesunden Verstand geleitet, der ihn an einer
Leine festhält. Das arabische Wort "Iqbal" bezieht sich auf die Leine, mit
welcher man das Kamel festbindet. Ebenso ist das Wort "Hiqma", Weisheit, in
seiner Bedeutung auf das Wort Leine zurückzuführen.
Auch das Wort "Zivilisation" bezieht sich auf die Bedeutung einer Leine oder
Fessel, da durch sie Grenzen in der Lebensführung des einzelnen gesetzt werden.
Der Begriff umschreibt Konventionen, Traditionen etc. der Gesellschaft. Auch
"Gerechtigkeit" ist ein Konzept mit ähnlicher Bedeutung, denn sie setzt Deiner
Freiheit die Berücksichtigung der Freiheit Deines Nachbarn als Grenze.
Das Selbst ist ständig der Versuchung ausgesetzt, da die Verlockungen immer
attraktiv sind. Du genießt es z.B. Klatsch anzuhören oder selber mitzutraschen.
Du gewinnst Gefallen daran, zu erfahren, was Menschen getan oder versäumt
haben, da Du glaubst, besser als sie zu sein. Genauso könnte man annehmen, daß
Stehlen lustig ist, da es einen leichten und mühelosen Weg darstellt, Geld nach
Hause zu bringen. Das Selbst findet, Ehebruch sei ein erfreulicher Weg, um sein
Verlangen zu stillen. Bei einer Prüfung zu schummeln würde helfen, ohne
Anstrengungen zu bestehen. Das Selbst würde seine Pflichten vernachlässigen und
daher faul und träge werden.
Besinnst Du Dich aber, so wirst Du herausfinden, daß eine kurzlebige Freiheit
nicht solche Gefahren wert ist. Denn Du wirst die Konsequenz für Deine
Verfehlungen eine lange Zeit ertragen müssen.
Wie würde sich jemand fühlen, den man fragt, ob er einen Vertrag unterschreibt,
der ihm verspricht, ein Jahr lang all das zu erfüllen, was er sich in seinen
wildesten Träumen gewünscht hat? Er kann in einem von ihm gewählten Land leben
und soviel Liebesaffären haben, wie er will. Stelle Dir vor, mit einem solchen
Vertrag wäre nichts verboten. Es würde aber auch vereinbart werden, daß der
Betreffende am Ende des Jahres gehangt würde. Wird man sich da nicht sagen, daß
kein Vergnügen es wert ist, dafür nach einem Jahr gehängt zu werden? Wird man
nicht erkennen sobald die Schlinge um den Hals enger gezogen wird, daß man
keine Quelle des Vergnügens mit sich nehmen kann? Wird man nicht verstehen, daß
der Schmerz des Gehängtwerdens nur eine Minute dauert? Die Qualen im Leben nach
dem Tod dagegen dauern ewig an.
Es gibt schwerlich jemanden in dieser Welt, der nicht einmal in seinem Leben
gesündigt hat, obwohl ihm diese Sünde keine Freude bereitet hat. Mindestens
einmal steht man nur mit Widerwillen auf, um das Morgengebet zu verrichten.
Wenn wir uns an all die Vergnügungen erinnern, die wir vor zehn Jahren genossen
haben und uns dann fragen, welche von ihnen uns geblieben sind. Wie lautet die
Antwort: "Keine!"
Eine Pflicht zu verrichten ist meistens mühsam und bereitet Unbequemlichkeiten.
Das Fasten im Monat Ramadan bedeutet für uns Muslims beispielsweise, daß wir
Hunger- und Durstgefühle erdulden müssen. Doch welche Auswirkungen hat das
Hungerleiden nach zehn Jahren?
Die Vergnügungen einer Sünde sind verschwunden. Die Bestrafung für das Begehen
bleibt. Die Schmerzen und Leiden dagegen, die wir auf uns genommen haben, um
eine Pflicht zu verrichten, sind vergangen. Die Belohnung dafür ist aber mit
uns.
Welche Folgen erwachsen uns nach der Stunde unseres Todes aus den Vergnügungen,
an denen wir uns erfreut und aus den Schmerzen, die wir erlitten haben?
Tief in unserem Herzen bereuen wir unsere Sünden. Wir wollen auf den Weg zu
Gott zurückkehren. Wir verschieben es aber immer wieder und spielen ein
Wartespiel. Ich habe fortwährend gesagt: "Nachdem ich Hajj (die Pilgerfahrt
nach Mekka) gemacht habe, werde ich meine Sünden bereuen und mich Gott
zuwenden."- "Ich werde regelmäßig Hajj machen." Doch ich habe noch immer nicht
bereut, obwohl mein vierzigstes und mein sechzigstes Lebensjahr vorübergegangen
sind. Dies soll nicht bedeuten, daß ich all diese Jahre ein sündiges Leben
geführt habe. So ist es nun auch wieder nicht. Gepriesen sei Gott dafür! Dieses
Beispiel soll nur zeigen, daß der Mensch ein gutes Leben führen will. Er findet
aber immer wieder eine Entschuldigung, um den Zeitpunki der Reue zu
verschieben. Er glaubt, daß ihm hierfür noch genug Zeit verbleibt und daß er
deshalb dahinvegetieren kann, bis er plötzlich stirbt. Ich selbst habe zwei
Erfahrungen mit dem Tod gehabt. Jedesmal habe ich die Momente bereut, in denen
ich ungehorsam gegen Gott gewesen bin. Diese Gefühle der Reue haben für einige
Monate vorgehalten und ich war ein "guter Mensch". Später bin ich aber wieder
dem "Auf und Ab" des Lebens verfallen und habe den Tod ganz vergessen.
Wir alle vergessen den Tod. Sogar wenn wir an einem Begräbnis teilnehmen,
reicht dies nicht aus, uns daran zu erinnern, daß auch wir einmal sterben
werden. Besonders wenn wir dem Totengebet beiwohnen, schweifen unsere Gedanken
oft zu weltlichen Dingen ab. Wir benehmen uns so, als ob alle außer uns sterben
werden. Tief in unserem Herzen jedoch wissen auch wir, daß wir uns einmal von
dieser Welt verabschieden werden.
Ein Mensch kann sechzig, siebzig, sogar hundert Jahre alt werden. Eines Tages
jedoch muß er sterben. Auch Du kennst sicher Leute, die ein hohes Alter
erreicht haben. Schließlich sind auch sie gestorben. Du weißt wahrscheinlich,
daß Noah (Friede sei mit ihm) 950 Jahre gelebt und zu den Seinen gepredigt hat.
Wo ist Noah (Friede sei mit ihm) jetzt? Hat er all diese Zeit auf Erden
geweilt? Hat ihn der Tod verschont? Warum denken wir nicht daran und bereiten
uns aufs Sterben vor, da es so unausweichlich ist?
Eine Person, die auf Reisen geht, bereitet sich vom Moment an, an dem der
Reisetermin feststeht, auf die Abfahrt vor. Ich war einmal in Begleitung
einiger jordanischer Lehrer, die Arbeitsverträge für Saudi Arabien in Amman
unterschrieben hatten. Sie wurden darüber in Kenntnis gesetzt, daß ihre Flüge
planmäßig abgehen würden. Diejenigen, die sich rechtzeitig darauf vorbereitet
hatten, konnten nach Erledigung der Paßformalitäten und der Verabschiedung von
ihren Familien pünktlich abfliegen. Diejenigen, die mehr Zeit gebraucht hatten,
um sich auf die Reise vorzubereiten, bekamen Schwierigkeiten und konnten das
Land deswegen nicht verlassen.
Was können wir sagen, wenn der Engel des Todes uns ruft? Dies kann weder
verschoben werden, noch ungehört bleiben. Der Engel des Todes holt sich den
Menschen sogar, wenn dieser nicht will und um Aufschub bittet. Was bedeutet der
Tod? Wer kennt die Wahrheit über ihn?
Das menschliche Leben ist in Abschnitte eingeteilt. Der erste Abschnitt ist mit
dem Embryo im Bauch der Mutter gleichzusetzen. Dann folgt das Leben in dieser
Welt. Der dritte Abschnitt ist das Barzakh (eine Zwischenstufe zwischen Leben
und Tod). Schließlich und endlich, der endgültige Abschnitt, das Leben nach dem
Tod.
Die Weite dieser Welt, wenn wir sie mit dem schmalen Raum im Bauch der Mutter
vergleichen, ist wie die Weite des Barzakh, wenn wir es mit dieser Welt
vergleichen. Dasselbe gilt für die Weite des Lebens danach, wenn wir es mit dem
Barzakh vergleichen. Ein Embryo glaubt, die ganze Welt sel im Bauch der Mutter.
Würde man ihn fragen, was seine Geburt, der Austritt aus dem Bauch der Mutter,
für ihn bedeutet, würde er antworten, daß dies der Tod sei. Würden Zwillinge im
Leib der Mutter sein, würde der Zweitgeborene über den Erstgeborenen sagen, daß
er gestorben sei und in einer anderen Welt begraben werde. Könnte er sehen, wie
die Plazenta des Erstgeborenen weggeworfen wird, würde er weinen, wie die
Mutter über den Körper ihres toten Kindes weint. Sie, die sich mit ganzem
Herzen um ihr Kind gekümmert hat und nun sieht, wie es begraben wird. Sie
zerbricht an der Trauer. Sie erkennt nicht, daß der Körper wie die Plazenta
ist. Ein Hemd, das schmutzig und zerrissen ist, wird weggeworfen. So verhält es
sich auch mit der Hülle, deren Leben vonüber ist und die deswegen nicht mehr
gebraucht wird.
In Wirklichkeit ist der Tod eine neue Geburt, ein Austritt in eine andere
Dimension, die weiter und länger in Raum und Zeit ist.
Die Welt, in der wir leben, ist nur ein Übergangsort. Das Leben in dieser Welt
ist mit der Reise eines Auswanderers, der mit einem Schiff nach Amerika fährt,
vergleichbar. Er zahlt für eine gute Kabine und hat Vorbereitungen getroffen,
um zu sichern, daß er eine bequeme Überfahrt hat. Glaubst Du aber, daß er sein
ganzes Geld für die Renovierung und Neugestaltung seiner Kabine aufwenden
würde, um als Folge davon mittellos in Amerika anzukommen? Oder wird er sich
nicht vielmehr sagen: "In dieser Kabine lebe ich nur eine Woche. Ich werde das
genießen, was mir geboten wird. Mein Geld spare ich mir für ein Heim in den
Staaten auf, wo ich für immer leben werde."
Hier ist ein weiteres Beispiel für den Vergleich des jeizigen Lebens mit dem
Leben danach. Vor einigen Jahren hat die amerikanische Regierung
bekanntgegeben, daß auf einer kleinen Insel im Pazifik atomare Tests
stattfinden sollten. Diese Insel wurde von einigen hundert Fischern gewohnt.
Sie wurden veranlaßt, die Insel zu verlassen. Man bot ihnen gleichzeitig eine
neues Heim in einem Land ihrer Wahl mit den gewohnten Lebensumständen an. Ein
Datum wurde festgesetzt, um ihnen Zeit zu geben, ihre Wünsche einzureichen und
sich auf die Abreise vorzubereiten.
Die Einwohner reagierten unterschiedlich. Einige befolgten die Vorgaben. Andere
spielten herum und verdrängten die ganze Sache bis zum letzten Augenblick.
Wieder andere behaupteten, die ganze Angelegenheit basiere auf Lügen, daß es
einen Ort wie die USA gar nicht gäbe und sie deswegen nicht bereit wären, die
Insel zu verlassen. Es war ihnen nicht klar, daß die ganze Insel in Stücke
gerissen und nur Ruinen verbleiben würden.
An diesem Beispiel sollen die verschiedenen Einstellungen der Menschen
gegenüber dem Leben gezeigt werden. Der Gläubige denkt an das, was im Leben
danach geschieht und bereitet sich darauf vor. Er führt ein Leben in Buße und
Gehorsam. Wir können ihn mit der ersten Gruppe der Fischer vergleichen, die
ihre Sachen packten und bereit waren, die Insel zu verlassen. Der Gläubige, der
Gott nicht gehorsam ist und seine Pflichten ignoriert, ist mit der zweiten
Gruppe von Fischern zu vergleichen. Diejenigen, die die bevorstehende Gefahr
nicht bemerken wollten. Ein Ungläubiger ist wie die dritte Gruppe von Fischern.
Er bezweifelt, ja streitet die Wahrheit der Religion ab. Er ist davon
überzeugt, daß es kein Leben nach dem Tod gibt und daß der Tod wie ein tiefer
Schlaf ist, eine permanente Rast und daß er ausgelöscht wird.
Das soll nicht heißen, daß der Islam jeden Muslim auffordert, die Welt
vollkommen aufzugeben und sich von allen Verantwortungen loszusagen. Der Islam
besagt nicht, daß die Moschee der einzige Platz von Interesse für einen Muslim
sein soll. Genausowenig sollen sie wie Eremiten in Höhlen leben. Ganz im
Gegenteil fordert der Islam die Muslime dazu auf, beispielgebende und
zivilisierte Menschen zu sein, sich um den Erwerb von materiellem Reichtum zu
bemühen und in den Wissenschaften führend zu sein. Er drängt die Muslims dazu,
ein gesundes, ausgeglichenes Leben zu führen. Sie sollen auf ihren Körper
achten, indem sie gesund essen und sich fit halten. Der Islam rät den Menschen
dazu, sich nicht zu überarbeiten, sich zu entspannen und sich des Lebens zu
erfreuen. Ebenso drängt er sie dazu, sich um ihre Familien zu kümmern und
gewisse Pflichten in der Nachbarschaft zu übernehmen. Diese Verpflichtungen
sollte ein Muslim genauso beachten wie die Prinzipien des Glaubens, der Einheit
Allahs und des Gehorsams ihm gegenüber.
Mit anderen Worten: ein Muslim kann Reichtum erwerben, solange er dies im
Rahmen des Gesetzes tut. Genauso wie er alle erlaubten guten Dinge dieser Welt
genießen soll. Er soll von dieser Welt sein, solange er in seinem Glauben
ehrlich bleibt und weder äußerlich noch innerlich eine Form von Vielgötterei
betreibt. Er muß sich von allem Ungesetlichen fernhalten und seine religiösen
Pflichten erfüllen. Mit materiellem Reichtum muß er vorsichtig umgehen, denn
jener darf sein Herz nicht besitzen, da es in Allah und nicht in materiellen
Besit vertrauen soll. Er sollte immer darauf achten, was für Gott akzeptabel
ist und dies sollte seine einzige Absicht in diesem Leben sein.
Was ist Islam?
"Wenn ein Fremder zu Dir kommt und Dich bittet, ihm den Islam in einer Stunde
zu erklären, was würdest Du tun?" Diese Frage habe ich meinen Schülern
gestellt. "Das wäre unmöglich", haben sie mir geantwortet. "Dieser Mensch müßte
die Prinzipien der Einheit Gottes, die Kommentare zum Koran sowie das System
der islamischen Gesetzte studieren. Ebenso müßte er den Koran lesen und die
Hadithe (Aussprüche des Propheten Mohammads - Friede sei mit ihm) rezitieren.
Er müßte sich mit vielen weiteren Problemen und Themen befassen, was über
fünfzig Jahre in Anspruch nehmen könnte."
Ich habe darauf geantwortet: "Ehre sei Gott, was hat dies alles mit den
einfachen und ungebildeten Beduinen zu tun, die zu unserem Propheten (Friede
sei mit ihm) kamen und alles über Islam lernten, indem sie ihn einen Tag oder
vielleicht weniger begleitet haben. Sind es nicht dieselben Beduinen gewesen,
die die Botschaft zu den Völkern der Wüste brachten und deren Lehrer und Führer
wurden? Erinnert Ihr Euch nicht, daß uns der Prophet Mohammad (Friede sei mit
ihm) unsere Religion in drei kurzen Sätzen erklärt hat? Er (Friede sei mit ihm)
hat von Iman (Glauben), Islam (Religion) und Ihsan (die Verwirklichung des
Menschen und seine Beziehung zu Gott) gesprochen. Warum können wir dann nicht
unsere Religion in einer Stunde erklären?"
Was ist Islam und wie wird man Muslim? Jeder Glaube, ob auf Wahrheit oder
Falschheit gründend, jede Gesellschaft, gut oder schlecht, jede politische.
Partei, unabhängig von ihren noblen oder nicht noblen Absichten, funktioniert
mit bestimmten grundlegenden Prinzipien und Regeln. Sie definieren das Ziel und
die Ausrichtung aller Aktivitäten. Diese Prinzipien und Regeln sind für die
Mitglieder in Form einer Verfassung zusammengefaßt. Jeder, der Mitglied einer
solchen Organisation werden will, beginnt damit, ihre Leitlinien zu studieren.
Wenn sich herausstellt, daß diese seinen Verstand und sein Unterbewußtsein
befriedigen und er an ihrer Gültigkeit nicht zweifelt, wird er sich
entschließen, der Organisation beizutreten. Er wird eines ihrer Mitglieder und
einer ihrer Unterstützer.
Von da an sollte er den Gesetzen, die in der Verfassung festgelegt sind, folgen
und seinen Mitgliedsbeitrag bezahlen. Er muß auch seine aufrichtige Anerkennung
der Prinzipien und Regeln beweisen. Das bedeutet, daß er sie sich regelmäßig
vor Augen halten muß und sich versichert, daß er nichts tut, was im Widerspruch
zu diesen Regeln stehen würde. Er sollte durch seinen Charakter und sein
Benehmen ein Beispiel geben als einer, der begierig den Regeln folgt und an die
Prinzipien glaubt.
Wir können zusammenfassen, daß Mitgliedschaft zu einer Gesellschaft folgendes
bedeutet:
- Wissen über die Organisation,
- Glauben an die Prinzipien,
- Festhalten an den Regeln,
- Sein Leben nach diesen Regeln und Prinzipien ausrichten.
Dies sind allseis akzeptierte Konventionen, die auch auf den Islam angewendet
werden können. Jeder, der zum Islam übertreten will, muß dessen Prinzipien
von Anfang an aus voller Überzeugung heraus annehmen. Dies setzt voraus, daß er
den Glauben daran in sich entwickelt hat.
Diese Prinzipien lauten kurz beschrieben:
- Die materielle Welt ist nicht alles und nicht das Ende unserer Existenz. Das
Leben in dieser Welt ist nur ein Teil des ewigen Lebens.
- Der Mensch hat vor seiner Geburt existiert und wird auch nach seiner Geburt
weiterexistieren. Er hat sich nicht geschaffen, sondern wurde, ehe er sich
seiner menschlichen Existenz bewußt wurde, erschaffen.
- Die unbeseelten Objekte um ihn herum konnten ihn nicht erschaffen, da er ein
denkendes Wesen ist und sie nicht.
- Alles in diesem Universum wurde von Gott, dem einen Allmächtigen, aus dem
Nichts erschaffen.
- Allah ist der einzige, der Leben gibt und nimmt. Er hat alles erschaffen.
Wenn er es will, kann er alles zerstören und auslöschen.
- Der allmächtige Gott hat keinerlei Ahnlichkeit mit seiner Schöpfung. Er ist
ewig und besitzt unbegrenztes Wissen und Verstehen.
- Er ist absolut gerecht, auf eine Weise, die mit menschlichen Maßen nicht
beurteilt werden kann.
- Er ist derjenige, der die Gesetze der Natur begründet hat.
- Von Beginn an hat er alles ausgewogen erschaffen, so daß Phänomene der
Bewegung und Ruhe, der Folgerichtigkeit und des Widerspruchs, die wir sowohl im
Beseelten als auch im Unbeseelten beobachten können, deutlich definiert und
unterscheidbar sind.
- Dem Menschen wurde die Kraft des Verstandes gegeben, um mit allen
Gegebenheiten, denen er gegenübergestellt wird, umgehen zu können. Die Kraft
des Verstandes kann er gebrauchen, um selbst wählen zu können und die Kraft des
Willens, um erlangen zu können, wonach er strebt.
- Allah hat ewiges Leben geschaffen, abgesehen von dem zeitlich begrenzten,
indem er die Rechschaffenen mit dem Paradies belohnt und die Sünder mit dem
Verbleiben in der Hölle bestraft.
Dieser Gott ist einzig. Niemand außer ihm darf verehrt werden. Niemand kann ihn
uns näher bringen, indem er für uns betet außer wenn Allah es will. Deswegen
sollten wir ihn allein mit aller Ernsthaftigkeit und Reinheit verehren.
Alle materiellen Dinge, die wir sehen und fühlen können, wurden von ihm
geschaffen. So wie er auch unsichtbare Lebewesen, die beseelt und unbeseelt
sind geschfffen hat. Unter den unsichtbaren Wesen befinden sich die Engel, die
ausschließlich für das Gute sind, und die Teufel, welche als dunkle und
negative Kräfte geschaffen wurden. Abgesehen divon gibt es als dritte Kategorie
die Djinn (Geister), welche in teuflische und gute Djinn eingeteilt werden
können.
Von den Menschen hat Gott bestimmte auserwählt. Ihnen wurde die Sharia (das
göttliche Gesetz) offenbart, so daß sie die Menschheit führen können. Dies sind
die Propheten.
Dieses göttliche Gesetz ist der Inhalt aller Bücher, die vom Himmel offenbart
wurden. In jedem dieser Bücher bis zum letzten Buch, dem heiligen Koran, führt
Gott uns über aufeinander aufsetzende Stufen. Die vorhergegangenen Bücher
wurden entweder verändert, verloren oder vergessen. Der heilige Koran blieb
vollkommen erhalten. Der letzte der Propheten ist Mohammad (Friede und Gottes
Segen sei mit ihm), Sohn von Abdullah, ein Araber vom Stamm der Quarayshi.
Durch ihn wurden alle vorhergegangenen göttlichen Botschaften abgeschlossen.
Seit dieser Zeit gab es keinen weiteren Propheten.
Der heilige Koran ist die Verfassung des Islams. Wer immer die Tatsache
akzeptiert, daß er von Gott offenbart wurde und an diesen mit allem Respekt
glaubt, ist ein Mumin (Gläubiger). Iman (Glaube) kann nur Gott sehen, denn
Menschen können nicht in andere Herzen blicken und erkennen, was in ihnen ist.
Deswegen ist es entscheidend, daß der Mensch, um im Islam akzeptiert zu werden,
seinen Glauben durch zwei Bekenntnisse ausdrückt. Sie lauten: "Ich glaube, daß
es keinen Gott außer Allah gibt und ich glaube, daß Mohammad (Friede sei mit
ihm) sein Prophet ist." In dem Moment, in dem er seinen Glauben auf diese Weise
erklärt, wird er Muslim. Er hat dann Anrecht auf alle Rechte, an denen sich
Muslime erfreuen. Er stimmt aber auch der Erfüllung aller Pflichten zu, die der
Islam von ihm verlangt.
Diese Ibadat (Pflichten) sind die vorgeschriebenen Formen der Anbetung. Es sind
nur wenige und sie sind leicht auszuführen. Sie benötigen nicht viel Mühe und
Anstrengung. Vier sind es, die im folgadan beschrieben werden:
Ein Muslim betet zwei Rakat (Niederwerfungen) zur Dämmerung, in dieser Zeit
befindet er sich in Verbindung mit seinem Gott. Er bittet um seine Güte und um
den Schutz vor seiner Bestrafung. Ehe ein Muslim diese Gebete verrichtet,
verrichtet er Wudhu (religiöse Waschungen). Er wäscht dabei sein Gesicht, seine
Hände und Füße, oder aber er badet sich, wenn er sich in einem Zustand der
Unreinheit befindet. Neben dem Morgengebet betet er zu vier weiteren Zeiten:
vier Rakat zu Mittag, vier Rakat am Nachmittag, drei Rakat zu Sonnenuntergang
und vier Rakat in der Nacht.
Diese Gebete sind Pflicht. Man braucht dafür insgesamt täglich nicht mehr als
eine halbe Stunde. Sie müssen nicht an einem bestimmten Ort stattfinden oder
von einer bestimmten Person geleitet werden. Ein Muslim braucht für sein Gebet
keinen Vermittler, da er direkt zu Gott betet.
In einem bestimmten Monat im Jahr fastet ein Muslim. Das Fasten wird im Ramadan
(dem Fastenmonat) nach Sonnenuntergang unterbrochen. Man kann nachts zu jeder
Zeit, bis daß der Ruf zum Morgengebet erklingt, essen. Während des Tages halten
sich die Muslime von Essen, Trinken und jeglicher sexueller Beziehung fern.
Der Ramadan ist ein Monat der Selbstreinigung für jeden Gläubigen, da er Körper
und Seele reinigt. Es ist ebenso der Monat, um das Verlangen zu stillen, Gutes
zu tun und großzügig zu sein, und sich der Bruderschaft aller Menschen in
dieser materiellen Welt zu besinnen.
Ein Muslim muß 2.5% seines Besitzes als Almosen den Armen und Bedürftigen
geben. Er tut dies einmal jährlich, nachdem er seine und die Bedürfnisse seiner
Familie gestillt hat. Für die Armen ist die finanzielle Unterstützung der
reichen Muslime eine große Quelle der Erleichterung und Hilfe. So wird die
Armut vermindert und eine Form der sozialen Sicherheit aufgebaut.
Der Islam hat bestimmte regelmäßige Zusammentreffen für die Muslime
festgesetzt. Sie können fünfmal am Tag zum Gebet zusammenkommen. Dies bedeutet
nicht, daß irgendjemand seine Arbeit unterbrechen muß, was immer sein Handel
oder Beruf ist. Wer diese Treffen versäumt, kann zuhause beten. Sie verlieren
so nur den erfreulichen Gewinn, in der Gruppe zu beten.
Die wöchentliche Versammlung am Freitag zum Djuma Gebet, das ungeführ eine
Stunde dauert, ist für die männlichen Muslime eine Pflicht. Abgesehen davon
gibt es zweimal im Jahr zum Id-Fest große Zusammenkünfte, bei denen die
Anwesenheit nicht Pflicht ist.
Schließlich gibt es die jährliche Weltversammlung, die Hajj genannt wird. Dies
ist eine gigantische öffentliche Zusammenkunft, die einmal im Jahr in Mekka
stattfindet. Sie versorgt uns in allen Belangen: spirituellen, körperlichen und
intellekluellen. Von einem Muslim wird erwartet, daß er einmal im Leben daran
teilnimmt, wenn es ihm möglich ist.
Dies sind die Pflichten und Akte der Verehrung, die jedem Muslim auferlegt
sind.
Darüber hinaus wird das Fernhalten von bestimmten Verfehlungen auch als Ibadat
bezeichnet. Darunter fällt das Töten ohne gerechten Grund, die Mißachtung der
Rechte anderer, agressives Gebaren, alle Formen der Ungerechtigkeit, alle Arten
von Drogen, die das Gehirn beeinflussen, Vergewaltigung, da diese die Ehre und
Würde eines Menschen zerstört und die heiligen Bande der Blutsverwandschaft
zerbricht. Es fallen darunter auch andere Formen von verbotenem Benehmen wie
Wucher, Lügen, Betrug und Desertation von militärischen Aktionen, die das
göttliche Recht vertreten, Abgabe falscher Schwüre, Angabe falscher Zeugen und
vor allem undankbares Benehmen den Eltern gegenüber.
Wie auch immer, Gott vergibt dem Muslim, dem es nicht gelingt, alle seine
Pflichten zu erfüllen, und der Teilen des islamischen Gesetzes gegenüber
ungehorsam ist, wohl aber bereut und um Vergebung bittet. Andererseits wird ein
Muslim, der nicht bereut, als ein Abtrünniger betrachtet, der im nächsten Leben
bestraft wird. Doch diese Bestrafung ist zeitlich begrenzt, nicht so wie die
eines Ungläbigen.
Ein Muslim aber, der sich weigert, die wichtigsten islamischen Prinzipien
anzuerkennen, nicht an die Pflichten und Regeln glaubt oder am geringsten im
Koran beschriebenen Detail zweifelt, wird als Verräter seiner islamischen
Identität beraubt. Vom Islam aus betrachtet, ist Abtrünnigkeit gleichbedeutend
mit Hochverrat. Wenn ein Mensch seinen unislamischen Glauben nicht aufgibt und
bereut, wird dieser mit dem Tod bestraft. Der Glauben muß als ein Ganzes
angenommen werden und, deswegen wird die Verneinung eines Teils als eine
Verneinung des Ganzen angesehen. Daher wird jeder, der nur 99% des Glaubens
annimmt, aber l% ablehnt, als Ungläubiger angesehen.
Möglicherweise lernst Du Muslime kennen, die eigentlich Ungläubige sind. Sie
können mit einer Person verglichen werden, die einer politischen Partei oder
einem Verein beitritt, alle Versammlungen besucht, ihren Mitgliedsbeitrag
bezahlt und tut, was immer von ihr als Mitglied verlangt wird. Abgesehen davon
ist sie nicht bereit, die Prinzipien zu akzeptieren und ist nicht von ihnen
überzeugt. Es sieht so aus, als ob diese Person der Partei oder dem Verein nur
beigetreten ist, um herauszufinden, was sich dort abspielt, oder um
Schwierigkeiten zu machen. Solch ein Muslim ist ein Heuchler. Heuchelei wird
als äußeres Bekenntnis zum Glauben und als Verheimlichung des Unglaubens
definiert.
Diese Heuchelei des Glaubens sollte von der sozialen Heuchelei, die vom
Propheten (Friede sei mit ihm) beschrieben wurde, unterschieden werden. Der
Prophet Mohammad (Friede sei mit ihm) sagte, daß ein Heuchler an drei Merkmalen
zu erkennen ist: Versagen beim halten seines Versprechens, Lügen und Brechen
von jedermanns Vertrauen. Ein Heuchler des Glaubens gibt Bekenntnisse ab und
vollzieht seine religiösen Pflichten, jedoch tief im Innerem bleibt er
ungläubig. So jemand wird von seiner Umgebung möglicherweise als Muslim
bezeichnet, aber nicht von Gott, der weiß, was in unserem Herzen und in unserem
tiefsten Inneren verborgen ist.
Die Prinzipien des Islams lauten kurz zusammengefaßt:
die Einzigartigkeit Gottes mit Nachdruck zu betonen,
an die Engel zu glauben,
an das Schicksal zu glauben,
den Glauben zu bekennen,
die auferlegte Gebete zu vollziehen,
im Monat Ramadan zu fasten,
Zakat (auferlegte Almosen) zu zahlen,
Hajj (die Pilgerschaft nach Mekka einmal im Leben) zu vollführen,
fernzubleiben von Allem, was den Muslimen verboten ist.
Allgemein gesprochen, ist es besser für uns, wenn wir uns an den Iman (Glauben)
halten. Wir fühlen uns besser und erfreuen uns an unermeßlicher Belohnung.
Deswegen, obwohl es schwierig erscheinen mag, sich hundertprozentig an die
Gesetze zu halten, sind sie aufgestellt worden, damit wir uns besser fühlen,
wenn wir ihnen folgen.
Unser Prophet Mohammad (Friede sei mit ihm) hat die Merkmale eines wahren
Muslims in einem Satz, welcher uns in einer Nußschale die Essenz von Glauben
und Handeln darlegt, zusammengefaßt: "Du solltst Gott verehren, als ob Du ihn
sehen könntest." Dies bedeutet, daß wir danach streben sollen, allzeit Gottes
Anwesenheit zu spüren.
Das ist die wahre Essenz des Islams; uns der Anwesenheit Gottes bewußt zu sein
in all unserem Tun, ob privat oder öffentlich, egal ob ernst oder nicht. Allah
sieht uns immer und kennt jede unserer Bewegungen. Deswegen folgt jeder, der
wirklich an Gott glaubt, seinen Gesetzen. Er wird auch nicht verzweifeln, weil
er weiß, daß Gott immer mit ihm ist. Ein Mensch, der so bestärkt ist, braucht
niemanden um Hilfe zu fragen, da er Gott darum bitten kann, seine Bedürfnisse
zu erfüllen. Wenn jemand den Gesetzen Gottes nicht folgt, aber um Vergebung
bittet, wird Gott ihm vergeben.
Dies ist nur eine kurze Einführung in den Islam. Wir schauen uns alle Aspekte
des Glaubens im weiterführenden Buch "Allgemeine Einführung in den Islam" an.
Insha Allah! So Gott will!
Aus dem Arabischen von Laila Abdullah
Überarbeitet von Aiman El-Attar
Diese ist eine unautorisierte, veränderte Version der originalen
Übersetzung. Falls Sie Fehler entdecken, Fragen oder Anregungen haben, setzen
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Übersetzung «Eine kurze Einführung in den Islam» wurde veröffentlicht (1994)
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